Höher, schneller, weiter

Der Berg ist ihr zuhause, der Gipfel das Ziel

Angelika Allmann – Sportwissenschaftlerin, gefragtes Sportmodel und erfolgreiche Sportlerin. Sie zählt zu den besten Trailrunning- und Skitourenläuferinnen in ganz Deutschland. Eine außergewöhnliche Frau mit enormer Willensstärke, einer Extraportion Ehrgeiz und Biss.

Sport spielt im Leben von Angelika Allmann, genannt Gela, schon immer eine große Rolle. Ob Laufen, Schwimmen oder Fahrradfahren – ihr stark ausgeprägter Bewegungsdrang treibt sie immer wieder an. Bereits im zarten Alter von vier Jahren stand die heute 31-jährige Münchnerin das erste Mal auf Skiern. Bis sie jedoch ihre beiden großen Leidenschaften, das Berglaufen und das Skibergsteigen, entdecken würde, sollten noch einige Jahre vergehen. Gelas Herz schlägt schon immer für die Berge. Sie sind ihr Rückzugsort – durchatmen und den stressigen Alltag einfach mal hinter beziehungsweise unter sich lassen. Diese Liebe führte die begeisterte Ausdauersportlerin vor gut fünf Jahren zu gleich zwei neuen Sportarten, die ihr Leben komplett auf den Kopf stellen sollten: das Berglaufen – und wenig später das Skibergsteigen.

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„Ich liebe die Ruhe, das Abschalten, an nichts anderes zu denken, das Einssein mit der Natur, allein irgendwo rauflaufen und mich selbst spüren.“

Berglaufen ist ein extrem anspruchsvoller Laufwettbewerb in den Bergen. Das Bewältigen der großen Höhenunterschiede vom Tal bis zum Gipfel, bergauf, bergab und wieder bergauf – das ist die Herausforderung dabei. Inmitten der atemberaubenden alpinen Landschaft, auf schmalen Bergpfaden komplett auf sich allein gestellt und eins mit der Natur sein – für Gela bedeutet das maximales Glück.

„Berge sind meine große Leidenschaft. Wenn ich auf einem Gipfel stehe, fühle ich mich frei, und alle Qualen des Aufstiegs sind sofort vergessen.“

Der Berg ruft aber auch im Winter. Deshalb heißt es in der kalten Jahreszeit umsatteln: Trailrunning-Schuhe werden gegen Tourenski ausgetauscht und weiter geht‘s. Die Münchnerin kann sich noch gut an ihre erste Skitour erinnern. Gemeinsam mit Freunden machte sich die damals 26-Jährige auf, die schneebedeckten Berge im Alpbachtal mit Tourenski und Fellen zu besteigen. Der Aufstieg war zwar beschwerlich, einmal oben angekommen, folgte jedoch prompt die Belohnung: pures Glücksgefühl – ausgeschüttet durch körpereigenes Endorphin. Danach die Abfahrt: Abseits der präparierten Pisten im Pulverschnee wartete eine technisch anspruchsvolle Strecke auf Gela – Adrenalin pur. Nach dieser ersten Skitour war für Gela klar, dass das ihre neue Leidenschaft sein wird.

„Freunde von mir haben mich mit ihrer Begeisterung fürs Skitourengehen angesteckt. So fing es an, es passte einfach.“

Gela beginnt zu trainieren. Und sie trainiert hart. Während sich andere Menschen noch im Tiefschlaf befinden, klingelt ihr Wecker manchmal bereits um halb fünf Uhr morgens. Oft trainiert sie auch noch abends nach der Arbeit. Zehn bis 20 Stunden pro Woche verbringt sie so neben ihrem Beruf als freie Journalistin auf dem Berg. Warum man sich das antut? Die Antwort fällt Gela leicht:

„Das Glücksgefühl, wenn man seine Grenzen überwunden hat und auf dem Gipfel steht, ist einfach überwältigend.“

Was folgt, sind zahlreiche Wettkämpfe. Das harte Training und ihr eiserner Wille zahlen sich aus: Gela gewinnt unter anderem den „Zugspitzlauf“, den „Kaisermarathon“ und den „Drei Zinnen Alpine Run“ in ihrer Altersklasse und landet im Skibergsteigen mehrfach auf dem Podium. Durch den Erfolg wird Gela immer bekannter: Sponsoren werden auf sie aufmerksam und sie beginnt für das Team von Dynafit Deutschland zu laufen. Auch die Werbebranche hat ein Auge auf die attraktive Bergläuferin geworfen: Gela wird immer häufiger als Model für Fotoshootings gebucht. Und es sollte auch ein Fotoshooting sein, das ihr Leben im April 2014 für immer veränderte…

Der Tiefpunkt nach 800 Metern

Ein Sturz und ein kleines Wunder: Gela Allmann überlebte das schier Unmögliche.

Sie war TV-Journalistin, Sportmodel und eine der besten Bergläuferinnen und Skitourenrennläuferinnen Deutschlands. Dann widerfuhr Gela Allmann ein Unglück, das fast alles in ihrem Leben änderte. Eines blieb jedoch: Ihre positive Einstellung und ihr Kampfgeist. Dadurch konnte sie sich bemerkenswert schnell wieder zurückkämpfen.

Es war ein sonniger Tag im April 2014. Gela Allmann stand als Model für ein Fotoshooting vor der Kamera. Die Kulisse: ein Berggipfel in Island, 1.000 Meter über dem Meeresspiegel. Es war der Tag, an dem das Leben der Powerfrau eine katastrophale Wende nahm. Gela Allmann war eine erfolgreiche Bergsportlerin, die beim Sport den meisten Spaß hatte, wenn es extrem anstrengend wurde. Ihre Leidenschaft: Berglaufen und Skibergsteigen. Sportarten, bei denen nicht nur die vielen Höhenmeter den Körper fordern, sondern auch Technik und Geschicklichkeit auf den Trailpfaden hinzukommen. Für Gela Allmann und ihren Ehrgeiz genau das Richtige, aber nicht genug. Neben ihren sportlichen Erfolgen arbeitete sie zudem als TV-Reporterin und als Sportmodel.

„Ich wollte nur noch bewusstlos werden“

Während eines Fotoshootings im April machte die ambitionierte Bergsportlerin plötzlich einen falschen Schritt und stürzte in die Tiefe. Ungebremst schlitterte Gela den Hang hinab – 800 Meter tief. Das Fatale: Die Schneedecke war durch die bisher kurze Sonneneinstrahlung noch nicht aufgetaut und somit steinhart. Eine Möglichkeit, den Fall zu bremsen, gab es für Gela also nicht. Mit jedem Meter, den sie den vereisten Berg weiter runterstürzte, beschleunigte sich ihr Fall. Nach etwa 150 Höhenmetern stürzte sie über einen Felsvorsprung und überschlug sich mehrere Male. Die Wucht, die sie weiter in die Tiefe riss, war unermesslich.

„Ich habe gespürt, wie mein Körper immer wieder auf den total vereisten Hang schlug. Ich hatte jegliche Kontrolle verloren und wollte nur noch bewusstlos werden.“ Gela spürte jeden einzelnen Knochenbruch. Sie nahm im Sturz wahr, wie Sehnen, Bänder und Muskeln in ihrem Körper rissen. Unvorstellbare Schmerzen durchfuhren sie!

SofTec Genu

Multifunktionsorthese zur Stabilisierung des Kniegelenks.
Sie wird z. B. bei Kreuzbandrissen, Seitenbandverletzungen,
Arthritis oder in der Sporttherapie eingesetzt.

Schwer verletzt, aber am Leben!

Wenige Meter vor der Abrisskante eines etwa 100 Meter hohen Cliffs schaffte es Gela Allmann jedoch, mit letzter Kraft zu stoppen, bevor sie in den eiskalten Fjord gestürzt wäre. Das Gelände war hier unten deutlich flacher und der Schnee bereits leicht aufgetaut. Irgendwie gelang es ihr, den linken Fuß und die rechte Hand in die Schneedecke zu rammen.

Schwer verletzt lag sie am Boden: „Mein ganzer Körper brannte mit einem Mal vor Schmerzen. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich das nicht überleben würde!“, erzählt sie im Rückblick auf die Situation. Wäre sie in den Fjord gestürzt, hätte das Unglück wirklich ihr Todesurteil bedeutet.

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Der Weg zurück

Gela Allmann ist jedoch eine Kämpfernatur. Bereits nach einer Woche hatte sich ihr Zustand derart stabilisiert, dass sie ins Münchner Klinikum rechts der Isar geflogen werden konnte. Direkt nach dem Unfall muss sie zunächst weitere sechs Operationen über sich ergehen lassen. Aber das Unglaubliche passiert: Nach sage und schreibe zwei Wochen fängt sie mit der Reha an. Ihr Motto aus dem Sport gilt nun für alle Bereiche ihres Lebens: „Biting, biting, biting!“

So jedoch lautete die immer noch katastrophale Diagnose: ein Trümmerbruch in der linken Schulter. Gerissenes Kreuzband, Innenband und Meniskus im linken Knie sowie eine komplette Sprengung des rechten Kniegelenks: Hier waren Meniskus, Knorpel, beide Kreuzbänder und das Außenband gerissen und der Schienbeinkopf zertrümmert. Im rechten Bein waren zudem sämtliche Muskeln, Bänder und Sehnen gerissen sowie der Peroneusnerv und die versorgende Hauptarterie. Wegen der damit verbundenen Blutung war dies auch die schwerwiegendste Verletzung. In der neunstündigen Notoperation in einem Klinikum in Reykjavik befürchteten die Ärzte zunächst, das Bein amputieren zu müssen.

„Biting, biting, biting!“

Seit April 2014 kämpft sich Gela Allmann zurück zu alter Stärke. Sie durchlebte dabei Höhen und Tiefen, musste viele weitere Operationen und eine Nerventransplantation überstehen. Doch eines verlor sie nie: ihren Mut und den Willen, niemals aufzugeben. Vier Monate nach dem schrecklichen Unfall steht Gela wieder auf einem Berggipfel – diese Powerfrau ist nicht zu bremsen!

„Jeder Tag ist eine neue Herausforderung“

Die Komplexität der Verletzungen macht den Weg zurück so mühsam.

Gela Allmann hat auf ihrem Weg zurück starke Partner an ihrer Seite. Zum Beispiel Jan Frieling, ihren Physiotherapeuten. Marc Lechler unterstützt sie ebenfalls: Der Diplom-Sportwissenschaftler arbeitet als Reha-Trainer bei „ECOS Reha“. Zusammen arbeiten sie nun seit vielen Monaten auf ein Ziel hin – Gela wieder fit zu machen. Marc Lechler erzählt von den Herausforderungen in diesem ganz besonderen Fall.

Physiotherapeut Marc Lechler

Herr Lechler, was ist die große Schwierigkeit bei Gela Allmanns Verletzungen?

Die Komplexität. Bei Gela ist die besondere Herausforderung, dass nicht nur ein Gelenk betroffen ist. Das Sprunggelenk ist extrem eingeschränkt, weil der Nerv die Muskulatur nicht richtig ansteuert, ihr Knie hat massive Schäden vom Sturz davongetragen, und ihre Schulter ist auch ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden.

„Gerade dieses Ineinandergreifen der Verletzungen macht es in der Tat kompliziert – wir können uns bei unserer Physiotherapie mit Gela nie auf nur eine Sache fokussieren.“

Was bedeutet diese Verkettung von Verletzungen für die tägliche Arbeit mit Gela Allmann?

Gerade dieses Ineinandergreifen der Verletzungen macht es in der Tat kompliziert – wir können uns bei unserer Physiotherapie mit Gela nie auf nur eine Sache fokussieren. Jeder Tag bringt wieder neue Herausforderungen mit sich – wenn sie am Tag zuvor viel gegangen ist, dann hat sie am nächsten Tag Schmerzen im Knie. Hat sie vielleicht an einem Tag auch nur einen Hauch zu viel getragen, schmerzt die Schulter. Das bedeutet konkret, dass wir zwar einen langfristigen Trainingsplan haben, kurzfristig aber sehr flexibel trainieren müssen.

Welchen Einfluss kann die Physiotherapie überhaupt bei einem so schwerwiegenden Fall auf den Heilungsprozess nehmen?

Einen ziemlich großen. Im Grunde macht die Physiotherapie rund 50 Prozent des Heilungsprozesses aus. Wobei gerade beim physiotherapeutischen Arbeiten die Willensstärke des Patienten eine große Rolle spielt. Die andere Hälfte trägt zu Beginn der Therapie der Operateur – er stellt die Funktionsfähigkeit des Gelenks wieder her, zum Beispiel durch das Einsetzen eines Kreuzbandes. Dass der Patient die Funktion des Gelenks auch wieder benutzen kann – also beugen, strecken und rotieren kann, aber auch der dazu benötigte Kraftaufbau –, das geschieht alles in der Arbeit mit den Physios.

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Stichwort „Willensstärke“. Bei so vielen verschiedenen Verletzungen, an denen gearbeitet werden muss, ist die Motivation sicher auch mal im Keller. Wie geht Gela Allmann damit um?

Sie ist außergewöhnlich positiv! Psychisch extrem stark, mit einer unheimlichen Willensstärke. Auch an Tagen, an denen sie mal müde ist, gibt sie immer 100 Prozent im Training. Sie hat sich ihre Ziele sehr hochgesteckt und verliert sie nie aus den Augen.

Wo kommt das her? Liegt es daran, dass sie vor dem Unfall eine erfolgreiche Sportlerin war?

Ja und nein. Es hat etwas mit der Einstellung zu tun und den Zielen, die man sich selbst setzt. Wir dürfen eines nicht vergessen: Gela Allmann musste nach ihrem Unfall alles erst wieder erlernen. Das Laufen – und zwar mit Krücken und stabilisierender Orthese –, sich hinzusetzen und wieder aufzustehen, Treppen zu steigen und und und. Am Beginn einer Therapie steht immer die Frage: „Welches Ziel hat der Patient?“ Bei Gela war es trotz der schweren Verletzungen von Anfang an klar: Sie will zurück auf ihre geliebten Berge und sie möchte aus eigener Kraft den Berg erklimmen! Dieses Ziel verfolgen wir konsequent. Und was sie bis jetzt erreicht hat, ist einfach unglaublich – das zeigt, was man mit Willensstärke, Fleiß und konsequentem Training erreichen kann.

Sind medizinische Hilfsmittel bei der Physiotherapie wichtig?

Ja. Gerade in diesem Fall waren und sind die medizinischen Hilfsmittel ein extrem wichtiger Baustein. Bei Gela sind Sprunggelenk und Knie auf Orthesen angewiesen. Denn trägt sie am Fuß keine, kann sie die Bewegung im Kniegelenk nicht sauber ausführen, und die Orthese am Knie braucht sie, damit sie die Achse sauber halten kann. Das ist wie bei Zahnrädern, die ineinandergreifen. Wären diese Voraussetzungen nicht gegeben, könnten wir überhaupt nicht im Kraftbereich arbeiten, also Muskelaufbau betreiben. Die Orthesen verleihen eine große und belastbare Stabilität, die wir sehr langsam und sukzessive abbauen.

Nehmen Sie persönlich etwas aus der Arbeit mit Gela Allmann mit?

Auf jeden Fall. Für mich ist Gela ein extrem positives Beispiel dafür, was man mit Willensstärke erreichen kann. Auch wenn die Erfolge manchmal verschwindend gering sind – Gela ist immer voll motiviert und steht hinter dem, was sie macht. Sie lässt sich nicht davon entmutigen, dass manchmal eine Drei-Monats-Bilanz lautet, 300 Gramm mehr Gewicht zu schaffen. Sie bleibt eisern, behält ihr Ziel im Auge und ist dadurch nicht nur für mich ein Vorbild.

„Wenn es eine schafft, dann Gela!“

Gela Allmann kämpft sich nach ihrem schweren Unfall Schritt für Schritt zurück – dabei ist sie nicht alleine.

Nach dem Sturz in die Tiefe geben ihr viele Freunde Halt. Auch Katja, eine langjährige Freundin, begleitet Gela auf ihrem Weg zurück.

Katja und Gela bei einer Bergtour vor Gelas Unfall

Gela stürzte bei einem Fotoshooting in Island 800 Meter in die Tiefe, zu diesem Zeitpunkt ist ihre Freundin Katja beruflich auf einer Sportmesse unterwegs. Das Handy vibriert: eine SMS von einem guten Freund. Ihre gute Freundin hatte einen Unfall. Einen schweren Unfall. In diesem Moment bleibt die Welt für Katja kurz stehen. Tausend Bilder schießen ihr durch den Kopf. Bilder von der fröhlichen, lebensbejahenden Gela, die fast immer lächelt. Momente mit ihrer Freundin, die so aktiv ist, immer „on fire“, deren größte Leidenschaft die Berge sind und der Sport in der Natur.

Ein Gefühl von Hilflosigkeit

Was ist passiert? Ist es etwas Schlimmes? Wie geht es ihr? Unzählige Fragen, keine Antworten. Die Distanz zwischen München und Island scheint in dem Moment unendlich groß zu sein. „Das Schlimmste war dieses Gefühl, nichts tun zu können, und die Ungewissheit“, erzählt Katja.

„Die Zeit ab dem Moment, in dem ich erfahren habe, dass Gela einen Unfall hatte, bis sie nach München kam, hat sich unfassbar lang angefühlt.“

Dann endlich das erste Lebenszeichen: Gela schickt Katja eine Sprachnachricht aus dem Krankenbett. „Es hat so gutgetan, ihre Stimme zu hören, das war ein so schönes Zeichen und ein sehr wichtiger Moment – da ist mir ein großer Stein vom Herzen gefallen“, erinnert sich Katja. Je mehr Infos jedoch kamen, umso deutlicher wurde auch, wie schwer die Verletzungen waren. Katja ahnt, dass ein langer Weg vor ihrer Freundin liegen könnte.

Nach ihrem dramatischen Unfall muss die schwerverletzte Gela eine Woche lang in einem Krankenhaus in Reykjavik bleiben, bevor sie nach München verlegt wird. Katja hat sie dort direkt am ersten Tag besucht, mit durchaus gemischten Gefühlen: „Es war eine Mischung aus Aufgeregtheit, Vorfreude und natürlich auch Angst, weil ich nicht genau wusste, was mich erwartet. Als ich dann die Tür zu Gelas Zimmer geöffnet habe, war das ein unfassbar schöner und gleichzeitig ein durch und durch emotionaler Moment.“ Katjas erster Gedanke:

„Hey, sie ist am Leben – das war einfach das Schönste!“

Für Katja war ihre Freundin von ihrem Wesen her, wie sie geredet hat, ganz die Alte. Aber sie sah dort im Krankenbett auch eine Gela liegen, die sich nicht bewegen konnte. Die sonst so aktive Freundin, deren größte Leidenschaft im Leben Bewegung und Sport ist – dieses Energiebündel war ans Bett gefesselt.

Noch im Krankenhaus berichtet Gela von ihrem Sturz. Zu hören, was sie durchgemacht hat, war nicht greifbar. Es war schwer sich vorzustellen, was sie erlebt hat. Heute noch schimmern bei Katja die Augen feucht, wenn sie daran zurückdenkt. „Am liebsten wäre ich direkt bei Gela im Krankenhaus geblieben, in so einer Situation möchte man wohl einfach nur für den anderen da sein.“

Damals war Katja sehr glücklich und froh, die gute Freundin gesehen zu haben, gleichzeitig war ihr jedoch auch bewusst: Vor Gela liegt ein langer Weg zurück! Und dabei wird Katja für sie da sein.

„Auf dem Weg, der jetzt vor ihr liegt, kann sie immer auf mich zählen.“

Katja merkte damals schnell: Der Unfall machte ihrer Freundin nicht nur körperlich zu schaffen. Für Gela war es sicher nicht leicht, dass sie nicht mehr wie viele ihrer Freunde täglich durch die Berge laufen und an Wettkämpfen teilnehmen konnte. Sie war nun dazu verdonnert, im Bett liegen zu bleiben und es langsam angehen zu lassen – eigentlich die Höchststrafe für das Energiebündel!

„Höher, schneller, weiter“ trat etwas in den Hintergrund

„Wir haben irgendwann angefangen, Yoga zusammen zu machen. Es war schön zu sehen, dass Gela dadurch mal ganz bei sich sein konnte, zur Ruhe kam und es geschafft hat, den Pausenknopf zu drücken.“ Lächelnd fügt Katja hinzu: „Nach ihrem Unfall sind wir die Berge einfach etwas langsamer hochgegangen, wobei Gela schnell ihre Hilfsmittel und Techniken gefunden hat, um auch hier wieder ganz vorn dabei zu sein.“ Gelas Motto „Höher, schneller, weiter“ trat in den Hintergrund. Im Vordergrund stand nun eine neue Seite der Ausdauersportlerin, eine gelassenere Seite. Denn der Unfall hat Gelas Leben verändert. Das Leben ihrer Freunde aber auch, wie Katja erklärt: „Unser Freundeskreis ist in dieser Zeit unheimlich eng zusammengewachsen. Wir machen mittlerweile alle zusammen viel öfter Bergtouren, genießen es einfach und vor allem: Wir nehmen uns Zeit füreinander.“

Gela und Freundin Katja ein Jahr nach dem Unfall

„Berglandschaften imponieren mir!“

Für Gela Allmann liegt das Glück der Welt auf den Bergen

Nach ihrem Unfall kämpft sie sich nicht nur zurück in ihr Leben, sondern auch zurück auf Gipfel. 800 Meter tief stürzte Gela Allmann in Island, zog sich schwere Verletzungen zu – aber ihre Liebe für die Berge hat sie trotzdem nicht verloren.

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Das Gipfelkreuz erreichen, erschöpft und stolz vom Aufstieg, durchatmen und hinab ins Tal schauen – für Gela Allmann gibt es nichts Schöneres. In solchen Momenten kann sie alles hinter sich lassen und zur Ruhe kommen. Die Bergregion um die Drei Zinnen in Südtirol ist eine ihrer liebsten. „Ich finde die Felsformation einzigartig und die komplette Gegend dort rund um Cortina D´Ampezzo einfach wunderschön. Für mich wirkt es jedes Mal wie eine Kraftquelle, wenn ich dort hinkomme, um Sport zu treiben.“ Verliebt hat sie sich in die Region, als sie 2011 beim „Südtirol Drei Zinnen Alpine Run“ in Sexten gestartet ist. Auch in den beiden Folgejahren ist sie direkt wieder bei diesem Rennen an den Start gegangen.

„Ich habe es als Privileg empfunden, in so wahnsinnig schöner und inspirierender Bergkulisse laufen zu dürfen.“

Die Drei Zinnen in Südtirol gelten als Wahrzeichen der Dolomiten und wurden 2009 von der UNESCO gemeinsam mit den anderen Dolomitengipfeln zum UNESCO-Welterbe erklärt. Die höchste Erhebung der Gruppe ist die „Große Zinne“ mit 2.999 Metern. Im Hochpustertal kann im Sommer wie im Winter die Schönheit der Berglandschaft genossen werden – beim Wandern, Klettern, Mountainbiken, Ski- oder Langlauf und beim Schneeschuhwandern. Wer nach Unterkünften und Skipisten sucht oder wissen möchte, wie viel Schnee gerade in der Region liegt, schaut am besten hier vorbei.

Skitouren sind Gelas Leidenschaft, seit sie als 26-Jährige zusammen mit Freunden die schneebedeckten Berge im Alpbachtal mit Tourenski und Fellen erklomm. „Im Winter führen mich meine Skitourentrainingseinheiten am häufigsten in die Region am Spitzingsee. Der Spitzingsee ist meist ein Schneeloch – wenn es sonst in der Region noch keinen Schnee hat, wird man dort oben meist fündig.“ Nur eine gute Stunde liegt der Spitzingsee von Gelas Wohnort bei München entfernt. Er gehört zu den größten Bergseen Bayerns, und die Region ist vor allem im frühen Winter beliebt bei Tourengehern. Hauptsaison ist im Skigebiet Spitzingsee-Tegernsee von Anfang Dezember bis Mitte April. Gelas Tipp: Das Tourengehen lohnt sich vor allem außerhalb der Saison, wenn nicht so viel los ist.

Auf der anderen Seite des Spitzingsees liegt das Rotwand-/Taubensteingebiet – seit der Saison 2015/16 wurde der Winterbetrieb der Alpenbahnen Spitzingsee am Taubenstein komplett eingestellt. Somit gibt es keine Pistensperrungen und Pistenpräparierungen mehr, Tourengeher können das Gebiet eigenverantwortlich nutzen.

Tipp für Einsteiger: Eine einfache, kurze Skitour im Spitzinggebiet ist eine Tour über den Rosskopf.

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Aber nicht nur im Winter liebt Gela es aktiv zu sein, auch im Sommer locken sie die Berge: „Im Sommer speedhike ich am liebsten auf den Wallberg am Tegernsee. Zum einen, weil er besonders schön ist und weil er von mir zu Hause aus so schnell zu erreichen ist und mich die Bahn dort auch trotz kaputter Knie wieder schnell und bequem vom Gipfel ins Tal bringt.“ Schon vor ihrem Unfall war Gela oft dort und nutzte den Wallberg als Ausgangspunkt für längere Laufrunden.

„Wahrscheinlich stand ich in meinem Leben schon 100 Mal oben an der Kapelle und habe glücklich und erschöpft hinunter zum Tegernsee im Tal geblickt.“

Im Sommer 2015 hat Gela das Rennradfieber gepackt. Da Berglaufen und Skitouren körperlich noch nicht möglich waren, musste eine Alternative her. Und natürlich packte die Powerfrau auch hier der Ehrgeiz – und so war ihr erstes sportliches Highlight nach dem Unfall eine Renner-Transalp: von Garmisch bis Riva in drei Tagen über die Alpen.

Wer den 1.722 Meter hohen Wallberg erklimmt, dem liegt das Tegernseer Tal zu Füßen. Der Berg im bayerischen Mangfallgebirge ist ein beliebter Ausgangspunkt für Gleit- und Drachenflieger und bietet im Winter die längste Naturrodelbahn Deutschlands.

Bei all der Power, bei allem Zurückkämpfen, liebt Gela auch die ruhigen Momente – die für sie natürlich auch auf Bergen stattfinden: „Ich verbringe gerne Zeit bei meinen Freunden, die in den Bergen wohnen. So fahre ich oft ins Zillertal oder ins Pinzgau und wohne dort bei Freunden.“

Schritt für Schritt zurück ins Leben

Der Weg zurück beginnt in deinem Kopf: Mit mentaler Stärke zurück auf den Gipfel.

„Ich bin nicht mehr die Alte, ich bin jetzt anders. Ich kann vieles nicht mehr, muss alles neu lernen.“ Ihr durchtrainierter Körper war plötzlich ein Trümmerhaufen. Gela musste erfahren, was es heißt, wenn sich das eigene Leben von einer Sekunde auf die andere vollkommen ändert. Was vorher noch selbstverständlich war – einen Schritt vor den anderen zu setzen –, war plötzlich nicht mehr möglich. Aber Gela hat nicht aufgegeben. Auch wenn der Weg zurück viel Kraft gekostet hat – ihr Geheimnis sind ein starker Wille und positives Denken. Doch wie gelangen Mut und Zuversicht zurück, wenn einem etwas derart Schreckliches widerfahren ist?

Für mich war immer klar, ich will wieder auf dem Gipfel stehen.

Verliere dein Ziel nicht aus den Augen

Aufgeben? Für Gela gab es nach ihrem schweren Sturz nur eine Option: kämpfen. Ein Leben ohne ihre beiden großen Leidenschaften, das Berglaufen und Skibergsteigen – für Gela unvorstellbar. „Der größte Wunsch nach meinem Unfall war, dass ich wieder dieses Gefühl von unfassbarer Freiheit auf dem Gipfel eines Berges erleben darf“, erinnert sich Gela. Dafür setzte sich die ehemalige Ausdauersportlerin Etappenziele, um immer wieder kleine Erfolge feiern zu können. Für die eigene Motivation ist es enorm wichtig, sich realistische Ziele zu setzen, die sich in relativ kurzen Zeitabständen erreichen lassen. Schritt für Schritt wächst nicht nur das Selbstvertrauen, auch der lange Regenerationsprozess wird so von vielen kleinen positiven Erfolgserlebnissen begleitet. Ein weiterer Motivationstipp von Gela ist das Visualisieren der gesetzten Ziele. In der ersten Woche nach ihrem schrecklichen Unfall bat sie ihren Freund darum, Fotos von ihr am Gipfel über das Krankenbett zu hängen. Aus diesen Momentaufnahmen des Glücks konnte Gela für sich Kraft ziehen.

Für mich ist es total wichtig, dass ich mein Ziel vor Augen habe. Ich will sehen, wo ich wieder hin will.

Mit Hilfe befreien

Natürlich gab es auch dunkle Momente – wie die ruhigen Abendstunden im Krankenhaus. Dann war sie allein mit ihren Gedanken. „Wenn der Besuch weg war, ist alles abgefallen, und ich habe jeden Abend geweint.“ Gela bemerkt schnell, dass sie sich nicht allein aus dieser negativen Gedankenspirale befreien kann. „Ich habe in den ersten fünf Monaten mit einem Psychologen zusammengearbeitet. Für mich war das ein superwichtiger Schritt, den ich jedem empfehlen würde, der ein psychisches Trauma oder Schwierigkeiten hat, sich in einer neuen Situation zurechtzufinden“, sagt Gela.

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Ein Gefühl von Sicherheit

In der schwierigen Zeit nach dem Unfall konnte sich Gela immer auf ihre Freunde und Familie verlassen. Nach dem Fall gaben sie ihr den nötigen Halt – ohne sie wäre Gela sicherlich nicht da, wo sie heute ist. Neben der grenzenlosen Unterstützung ihrer Liebsten gab es noch etwas anderes, das wichtig war: Gela musste wieder Vertrauen fassen. In ihren Körper und auch in sich selbst. Das schaffte sie auch dank der Produkte von Bauerfeind. Mithilfe ihrer Orthese kann die 31-Jährige heute wieder auf einem Gipfel stehen. Sie gibt Gela die nötige Stabilität für ihr Kniegelenk und ein Gefühl von Sicherheit: „Die Orthese ermöglicht es mir, meinen Sport wieder auszuüben, das macht mich überglücklich. Mit ihr kann ich mich auch am Berg sicher bewegen.“

Schöne Erinnerungen und Momente kann man in positive Energie umwandeln, die einen antreibt.

Die Kraft der positiven Gedanken

Gerade in schwierigen Lebensphasen ist es nicht einfach, positive Gedanken zu fassen und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Jeder kennt diese Tage, an denen man morgens gut gelaunt aufwacht – einfach so, ohne einen bestimmten Grund. Ein Tag, der mit positiven Gedanken beginnt, wird meist ein schöner. Daneben gibt es aber auch Tage, an denen man aktiv daran arbeiten muss, die eigenen Gedanken in die richtigen Bahnen zu lenken. Gelas Trick: „Man sollte immer auch auf seine Habenseite schauen. Ich habe meine Freunde und meine Leidenschaft, die Berge, mit denen ich so viele wunderschöne Erinnerungen verbinde. Diese treiben mich an und geben mir auch in schwächeren Momenten die nötige Energie, nicht aufzugeben.“

SecuTec Genu

Funktionelle Orthese zur Stabilisierung des Kniegelenks.
SecuTec Genu ist eine leichte aber stabile Knieorthese, die der Anatomie des Beins angepasst wurde.

Mut heißt nicht, keine Angst mehr zu haben, sondern nur den Gedanken im Kopf zu haben, dass einem etwas anderes wichtiger ist.

An schwierigen Situationen wachsen

Der Weg zurück: ein Wechselbad der Gefühle. „Da ist diese riesige Freude über die vielen Fortschritte, die man während des gesamten Regenerationsprozesses durchläuft. Auf der anderen Seite gerät man aber immer wieder in Situationen, die einen an den Unfall erinnern.“ Doch wie schafft es Gela, nach diesem traumatischen Erlebnis in Island wieder auf einem Berg zu stehen? Woher nimmt sie den Mut, sich wieder in einen steilen, eisigen Hang zu stellen? Und wie geht sie mit ihrer Angst um? „Ich würde nicht sagen, dass ich keine Angst mehr habe. Mut heißt nicht, keine Angst mehr zu haben, sondern nur den Gedanken im Kopf zu haben, dass einem etwas anderes wichtiger ist. Ohne dabei ein Risiko einzugehen“, erklärt Gela. Der Wunsch, wieder die „alte“ Gela zu werden, sich zu bewegen und mit Freunden wieder Sport zu machen, ist in ihrem Fall einfach stärker. Für sie war immer klar, dass sie eines Tages wieder dort oben stehen will, also musste sie einen Weg finden, mit Angstsituationen umzugehen. Einfach weitergehen, Schritt für Schritt, um am Ende das Ziel zu erreichen. „Letztendlich geht es immer darum, seine inneren Blockaden zu überwinden. Man muss einfach machen. Am Ende bringt dich jede Situation, die du meisterst, weiter“, sagt Gela. Die Powerfrau lässt sich nicht von ihrer Angst beherrschen, sie hat gelernt, ihre Angst in Respekt umzuwandeln.